• Dave

Laut über Gemeinde nachgeträumt



Die ideale Gemeinde ist nicht grösser als eine Familie und nicht kleiner als ein Dorf. Sie ist familiär und umfassend, Hausgemeinde und Stadtkirche zugleich. Sie trifft sich in einer familiären Atmosphäre, in der jeder jeden kennt. Und sie trifft sich in den Sälen, Kirchen und Pärken unserer Dörfer und Städte, um gemeinsam Gott anzubeten. Was meine ich damit?

Die ideale Gemeinde ist nicht grösser als eine Familie und nicht kleiner als ein Dorf.

Das Urchristentum in Jerusalem spielte sich in den beiden Brennpunkten «Haus» und «Tempel» ab (vgl. Apg 2,42–47). Die Christen trafen sich in den Häusern und hielten am täglichen Besuch des öffentlichen Tempelgottesdienstes fest.


Es geht nicht darum, die Situation der Urgemeinde in Jerusalem 1:1 zu kopieren. Ich rate dringend davon ab, in deinem Dorf einen alttestamentlichen Tempel zu bauen! Vielmehr wird es darum gehen, die Werte dieser urchristlichen Gemeinde als biblische Inspiration für unsere Gemeinden zu nehmen. Wir müssen gleichzeitig schrumpfen – auf die Grösse eines Hauses – und wachsen – auf die Grösse einer Stadt.


Bei uns in Riehen liegt der Allianzgottesdienst im Stadtpark erst wenige Tage zurück. Ich bin immer noch bewegt von diesem Gottesdienst, den wir gemeinsam mit Christinnen und Christen aus Riehen und dem Nachbardorf Bettingen gefeiert haben. Die Charismatischen und die Evangelikalen, die Reformierten und die Katholiken feierten gemeinsam Gottesdienst, ohne dass die Festbänke aufgrund der theologischen Diskrepanzen entzweigerissen wären. Junge Familien mit ihren Kindern nahmen ebenso am Gottesdienst teil wie altehrwürdige Senioren – der Rollstuhl und der Kinderwagen standen wortwörtlich nebeneinander. An diesem Generationengottesdienst wurde etwas von der «Stadtkirche» sichtbar, von der ich immer wieder träume.


Ist unsere Vision so klein?

Wir sind hier ja unter uns, deshalb schreibe ich ganz offen: Meiner Ansicht nach haben viele unserer klassischen 50-bis-150-Mitglieder-Ortsgemeinden eine unbefriedigende Zwischengrösse: sie sind zu gross, um familiär zu sein, aber zu klein, um im Dorf oder in der Stadt aufzufallen.


Ich habe das Privileg, in einer tollen Gemeinde als halber Pastor (50%) zu arbeiten. Das wenige Jahre alte Gebäude würde für rund 300 Gottesdienstteilnehmer Platz bieten. Unsere Gottesdienste sind gut besucht, aber die Stühle sind nicht auf den letzten Platz besetzt. Klares Wachstumspotenzial also. Doch wenn ich manchmal unter der Woche durch die leeren Stuhlreihen gehe, werde ich nachdenklich. 300 Personen. Ist unsere Vision wirklich so klein? In einem einzigen Quartier unseres Dorfes wohnen mehr Menschen, als unser Gebäude fassen könnte.


Unsere Gemeinden müssen wachsen, bis sie stadtrelevant, bis sie Dorfgespräch sind. Dafür benötigt es den Blick über den konfessionellen Tellerrand. Wenn wir uns schon nur arithmetisch zusammenzählen, sind wir viele. Wenn wir es dann noch zustande bringen, mit den anderen Gemeinden und Kirchen vor Ort gemeinsame Gottesdienste zu feiern – und sei es nur wenige Male im Jahr – dann wird etwas von dieser Stadtkirche sichtbar. Man mag mich einen Ökumeniker schimpfen, aber ich kann ohne schlechtes Gewissen mit Christen zusammen anbeten und arbeiten, die sich Jesus zugehörig fühlen aber über theologische Detailfragen anders denken als ich. Sind wir in allem derselben Meinung? Nein. Können wir trotzdem gemeinsam Gott anbeten? Ja.

Sind wir in allem derselben Meinung? Nein. Können wir trotzdem gemeinsam Gott anbeten? Ja.

Gleichzeitig müssen unsere Gemeinden auf die Grössen von Familien herunterschrumpfen. In Gesprächen mit anderen Christen nehme ich immer wieder das Bedürfnis wahr, mehr Gemeinschaft zu erleben (die Sehnsucht nach mehr Programm ist dagegen ausgesprochen gering). Eine Gemeinde in Familiengrösse also. Ich denke dabei nicht an die gutbürgerliche Kleinfamilie, wie ich sie mit Frau und Kind zusammen bilde, sondern an das «Haus», zu dem ein grösseres Umfeld dazugehört. Ausschlaggebend ist nicht die biologische Verwandtschaft, sondern die verbindliche Zugehörigkeit zur familiären «Community». Das werden nicht nur drei Personen sein, aber gewiss auch nicht dreihundert.


Damit ich nicht falsch verstanden werde: Ich halte grosse Stücke auf unsere klassischen 50-bis-150-Seelen-Gemeinden. Ich würde sonst nicht in einer arbeiten. Von Herzen wünsche ich mir, dass wir diesen doppelten Transformationsprozess hinkriegen: hin zur Stadt und hin zur Familie


Ist das zu viel verlangt? Eine träumerische Utopie eines realitätsfernen Idealisten? Mag sein. Und ich rate klar davon ab, unsere Ortsgemeinden mit utopischen Visionen an die Wand zu fahren. Aber warum nicht laut träumen von einer Gemeinde, die familiär und stadtrelevant zugleich ist...träumst du mit?

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