• Dave

Palmsonntag – ein unbequemer König



Jamin

Jamin kann sein Glück kaum fassen. Er hat sich auf gute Verkäufe eingestellt, wenn in wenigen Tagen das ganze Volk zum Passafest nach Jerusalem hochpilgert. aber dieses Jahr scheint es etwas ganz Besonderes zu werden. Die religiöse Stimmung war schon seit Tagen aufgewühlt, es lag ein seltsames Knistern in der Luft. Nun scheint es sich in der grossen Prozession zu entladen, die sich den Ölberg hinunterwälzt. Als er das Rufen und das Singen aus der Ferne vernimmt, übergibt er den Verkaufsstand schnell seinem Knecht und stürmt aus dem Vorhof des Tempels, um sich das Geschehen vom Rand des Tempelbergs aus anzusehen.


Riesiger Tumult auf dem schmalen, steinigen Weg. Menschen legen ihre Mäntel auf den Boden und rufen wild durcheinander. Jamin versteht aus der Ferne nicht, was sie rufen. In der Mitte der Prozession reitet ein Mann auf einem Esel. Hinter ihm bildet sich eine riesige Menschentraube und kommt direkt auf die Altstadt zu.


Das Geschäft seines Lebens rollt auf ihn zu! Schnell läuft er zurück. «Hol alle Tauben aus dem Schlag und sperr sie in den Käfig im Verkaufsstand», ruft er seinem Knecht zu, als er ausser Atem wieder beim Verkaufsstand ankommt. Dann wendet er sich um. Sein Cousin Elieser steht gelangweilt hinter dem Geldwechslertisch im Vorhof des Tempels. «Machst du dich gefälligst bereit?», ruft Jamin Elieser wütend zu, «wenn die ganzen Leute in den Tempel kommen, wollen sie ihre römischen Denare in Tempelmünzen wechseln und wenn du es verschläfst, verpasse ich mein Verkaufsgeschäft!»


Jamin schaut zu, wie sein Knecht die Tauben in den Käfig sperrt. Wild flattern sie durcheinander. Ein besonders schönes Exemplar sticht ihm in die Augen: schneeweiss ist sie, und sie flattert aufgeregt. «Diese Taube», denkt sich Jamin, «schenke ich dem Mann auf dem Esel, wenn er hier vorbeikommt. Wenn er sie opfert, werde ich die anderen Tauben locker für den doppelten Preis los.»


Gerschom

Gerschoms starke Hände sind ganz zittrig geworden. Mit aller Kraft reisst er einen grossen Palmzweig vom Baum ab und legt ihn auf den steilen, steinigen Weg, der vom Ölberg hinunterführt. Die vielen Leute haben Staub aufgewirbelt, der ganze Abhang ist in eine hellbraune Wolke eingehüllt. Wie lange hat er auf diesen Tag gewartet! Und jetzt endlich ist er da. Seine ganze Hoffnung ruht auf dem Mann, der auf einem jungen Esel der Stadt entgegenreitet. In wenigen Schritten wird er an ihm vorbeikommen. Sacharja 9 wird sich vor seinen Augen erfüllen:


«Frohlocke laut, Tochter Zion! Brich in Jubel aus, Tochter Jerusalem! Siehe, dein König kommt zu dir; gerecht und ein Retter ist er, demütig, und reitet auf einem Esel, auf einem Füllen, dem Jungen einer Eselin. Dann werde ich die Kriegswagen aus Ephraim ausrotten und die Kriegsrosse aus Jerusalem; auch die Kriegsbogen werden ausgerottet werden. Und er wird den Völkern Frieden gebieten, und seine Herrschaft wird von Meer zu Meer, vom Euphratstrom bis an die Enden der Erde reichen… Denn ich spanne mir Juda als Bogen und lege Ephraim auf die Sehne; ich biete deine Söhne, Zion, gegen die Söhne Griechenlands auf und mache dich zu einem Heldenschwert. Alsdann wird der Herr über ihnen erscheinen, und seine Pfeile werden ausfahren wie Blitze; und Gott der Herr wird in die Posaune stoßen und in den Stürmen des Südlandes daherfahren..»


Gerschom kennt die Verse auswendig. Jetzt erfüllen sie sich. Gott wird nicht länger mit ansehen, wie die Heilige Stadt von unbeschnittenen Heiden zertrampelt wird! Jetzt muss man den Moment nutzen und die Römer endgültig aus der Stadt verjagen. Für einmal ist das Volk in der Überzahl und die römischen Soldaten haben keine Chance.


Schnell zieht Gerschom seinen Mantel aus und legt ihn vor dem Mann auf dem Esel hin. Wie ein bunter Teppich liegen die Mäntel auf dem Weg. Gerschom erinnert sich an die Geschichte des israelitischen Königs Jehu. Dieser Haudegen, der von Gott auserwählt worden war, um dem Haus von Isebel und Ahab ein Ende zu machen und alle Unterdrücker umzubringen. Hatten nicht die Heerführer ihre Mäntel auf dem Boden ausgebreitet und ausgerufen «Jehu ist König»? War das nicht auch eine Revolution, die Gott selbst angezettelt hatte? Gerschom ist nicht der Einzige, der so denkt. Er gehört zu den Zeloten, eine jüdische Revolutionsbewegung, die den Umsturz herbeiführen will. Ist heute ihr Tag gekommen?


«Hosianna!» ruft Gerschom, als der Mann auf dem Esel an ihm vorbeizieht. «Hosianna!» das heisst «rette uns!» Andere meinen vielleicht «rette uns von den Sünden!» Natürlich, das braucht es auch. Aber als Gerschom «Hosianna!» ruft, meint er: «Rette uns von den Römern!»


Jesus

Palmsonntag. Jesus reitet auf einem Esel in die Stadt und jede dieser erfundenen Gestalten hat eine Erwartungshaltung.

  • Der Taubenverkäufer Jamin erwartet den Gewinn seines Lebens, wenn Jesus kommt.

  • Sein Cousin, der Geldwechsler Elieser, holt sein ganzes Wechselgeld aus der sicheren Kiste hervor und breitet es auf dem Tisch aus, damit er bereit ist, wenn Jesus kommt.

  • Der Zelot Gerschom ist bereit, den Amtssitz des Pilatus mit Gewalt einzunehmen und die Soldaten zu vertreiben, wenn Jesus kommt.

In diese religiöse Aufgewühltheit, in alle diese Erwartungshaltungen hinein kommt Jesus. Er betritt Jerusalem. Steigt vom Esel. Gerschom schaut ihm enttäuscht nach, als Jesus schnurstracks auf den Tempel zugeht. Der Taubenverkäufer Jamin steht im Vorhof mit der schönen, weissen Taube in der Hand. Jesus wirft seinen Verkaufsstand eigenhändig um. Dann geht er hinüber zum Geldwechsler Elieser, der ihn erschrocken anschaut. Jesus wirft seinen Tisch gegen die Wand und die Münzen fliegen in alle Richtungen. Dann kehrt er voller Wut zurück zum Verkaufsstand von Jamin und öffnet die umgefallenen Taubenkäfige. Mit wildem Flattern befreien sich die Tauben und fliegen in immer grösseren Kreisen über dem Tempel Richtung Himmel.


Und dann erklingt ein Schrei. Der wütende Jesus mit der Peitsche in der starken Zimmermannshand ruft, so laut er kann: «Mein Haus soll ein Gebetshaus sein! Ihr habt eine Räuberhöhle daraus gemacht!»


Jesus ist ein Profi darin, die religiösen Erwartungen anderer Menschen zu enttäuschen. Die Mächtigen, die Profitgierigen und die religiös Angesehenen macht er wahnsinnig, besonders die Priester und Schriftgelehrten. Er zelebriert kein hochreligiöses Fest mit Taubenopfern und er zettelt keine politische Revolution an.

Jesus ist ein Profi darin, die religiösen Erwartungen anderer Menschen zu enttäuschen.

Wiederhergestellter Lobpreis

Jesus kommt als König nach Jerusalem und geht zuerst zum Tempel. Seine erste Amtshandlung als König ist die Wiederherstellung des Lobpreises. Sein Regierungsmotto heisst: «Mein Haus soll ein Gebetshaus sein». Und sein Regierungsprogramm besteht in Heilungen und Kinderlobpreis im Tempel (vgl. Mt 21,14–17).


Und um dieses Ziel zu erreichen, müssen die Taubenverkäufer und Geldwechsler aus dem Tempel heraus. Das sollte uns eigentlich beunruhigen. Jesus hat nicht die Tische der Bösen umgeworfen, sondern die Tische der Guten. Die Händler im Tempel haben keine Götzen verkauft. Sie waren Dienstleister für den wahren Opferdienst Jahwes.

Jesus hat nicht die Tische der Bösen umgeworfen, sondern die Tische der Guten.

Die Taubenhändler und Geldwechsler haben den Tempelvorhof mit so viel guten, hilfreichen und erleichternden Dienstleitungen gefüllt, dass der Vorhof vor lauter Gutem – zu einer Räuberhöhle wurde, voller Handelsgeschrei und Taubenschiss. Das Gute hat dem Besten den Platz gestohlen.


Jesus ist mal wieder viel weniger konziliant und versöhnlich, als ich es wäre. Statt den Taubenhändlern und Geldwechsler herzlich für ihren Dienst an der Bevölkerung zu danken und sie freundlich auf das Ruhebedürfnis der Anbetenden aufmerksam zu machen, jagt er die ganze Truppe mit einer Peitsche hinaus. Das passt nicht zu unserem lieben kleinen Jesus. Doch wir müssen Jesus von seinem Herzen her verstehen: Es geht ihm um die Wiederherstellung des Lobpreises. Und alles, was dem Lobpreis im Weg steht, ist nicht gut, kann gar nicht gut sein, sondern ist böse. Oder – wie Jesus es sagen würde: ist eine Räuberhöhle.

Das passt nicht zu unserem lieben kleinen Jesus.

Du und deine Erwartungen

Heute ist Palmsonntag. Was erhoffst du dir, wenn du «komm, König Jesus» sagst? Dass er dich endlich aus der Arbeitslosigkeit befreit? Dass er dich reich und glücklich macht? Dass er dir in der zerstrittenen Erbengemeinschaft zu deinem Recht verhilft?


Es ist immer heikel, spezifische religiöse Erwartungen an Jesus zu haben. Er ist ein unbequemer König. Deine Erwartungen sind nicht zwingend alle schlecht. Aber Jesus ist nicht gekommen, um deine religiösen Erwartungen zu erfüllen. Er hat seine eigene Agenda, sein eigenes Regierungsprogramm.


Entschuldige den Wohlfühl-Dämpfer, aber: Es geht gar nicht um dich, es geht um den König. Und Jesus ist ein König mit einer klaren Mission: Der Wiederherstellung des Lobpreises. Wenn du heute zu sagen wagst: «Komm, Herr Jesus. Zieh als König bei mir ein!», dann geht er zuerst zum Tempel deines Lebens und stellt den Lobpreis wieder her. Das heisst auch, dass er Dinge ausräumt, die dort nicht hingehört. Und zwar sowohl das offensichtlich Böse als auch das sogenannt «Gute», das den Tempel zu einer Räuberhöhle gemacht hat.


Das gilt auch für deine Gemeinde. Euer palmsonntägliches Gebet könnte lauten: «Jesus, schmeiss jeden Tisch in unserer Gemeinde um, der die Anbetung hindert. Auch alles ‹Gute›, was zum Ballast geworden ist. Alles, was den Tempelraum beansprucht und mit Lärm überflutet, so dass es keinen Raum mehr für Anbetung gibt. Jesus, schmeiss alles um, was die Anbetung zu einer religiösen Routine, zu einer Formsache oder sogar zu einem Businessmodell gemacht hat.»


Stell dir vor, Jesus ist heute den Berg hinuntergeritten, hat seinen Esel vor deiner Wohnungstür angebunden, soeben dein Wohnzimmer betreten und ruft nun laut: «Mein Haus soll ein Gebetshaus sein!» Was müsste sich ändern, damit dieses Haus zu einem Gebetshaus wird? Was steht der Wiederherstellung des Lobpreises im Weg?

  • Welche Herzenshaltungen müsstest du ablegen?

  • Welche Räuberhöhlen müsstest du ausräumen?

  • Welche guten Prioritäten streichen?

  • Welche Tische von Jesus umwerfen lassen? (Dein neuer Fernseher zum Beispiel sieht wirklich umwerfend aus…)

Jesus hasst es, wenn aus dem Gebetshaus eine Räuberhöhle wird. Das heisst im Umkehrschluss: Er liebt es, wenn aus der Räuberhöhle ein Gebetshaus wird! Bring ihm deine Räuberhöhle. Und bitte ihn, dass er ein Gebetshaus daraus macht. Was gibt es Schöneres als Tempel, die in neuem Glanz erstrahlen?


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Noch etwas, aber das muss unter uns bleiben. Ich wage mich jetzt ein wenig auf die Äste raus: Der Tisch unseres Gemeindegesangs ist vor wenigen Wochen offensichtlich umgekippt. Man könnte tagelang darüber philosophieren, wer den Tisch umgeworfen hat: War es:

  • Der Bundesrat, der unter hohem Druck einen möglichst wissenschaftlich abgestützten Entscheid treffen musste?

  • Der Teufel höchstpersönlich, der es hasst, wenn wir Gott gemeinsam mit Liedern anbeten?

  • Oder war es Jesus, der heimlich in den Tempel kam, um einen «guten» Tisch umzukippen, der die Anbetung hinderte?

Ich habe keine eindimensionale Antwort. Aber ich lade dich zumindest ein, das Singverbot (so mühsam es ist) auch als eine Einladung Gottes zu verstehen. Dass wir Anbetung neu vom Mittelpunkt her denken und merken: Es geht im Kern gar nicht ums Singen! Es geht um Gott. Wie schön wäre es, wenn dadurch der eine oder andere Taubenverkäuferstand in unseren Herzen umfällt und der Weg zur Anbetung neu gebahnt wird.

Es geht im Kern gar nicht ums Singen!

Singen ist nicht schlecht, sondern gut. Und gerade weil es gut ist, müssen wir ein waches Auge darauf haben, dass es nicht zu einer Routine-Übung wird, die vom Entscheidenden ablenkt. In diesem Sinn können wir das Singverbot als Chance sehen zur Neufokussierung. Und die entscheidende Frage stellen: Was darf in der Anbetung noch weniger fehlen als das Singen?


Und eine Frage an dich, liebe Worship-Sängerin, lieber Lobpreisgitarrist: Wo hast du persönlich deinen eigenen Tisch im Tempel aufgestellt und die Bühne genutzt, um eigenen Profit zu machen? Aufmerksamkeit ist auch eine Währung. Wo stehen du und deine Show dem Lobpreis im Weg? Lass Jesus deinen Tisch umwerfen. Lass Gott wieder Gott sein im Lobpreis. Dann wird es ein ziemlich fröhliches Fest dieses Jahr.

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