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Besser predigen mit der Genesis-Methode



Erspare - um des Reiches Gottes willen – deiner Zuhörerschaft eine langweilige Predigt. Manch ein Prediger ist schon der Versuchung erlegen, mit der Aneinanderreihung von frommen, belanglosen Phrasen die allgemeine Zustimmung der Gottesdienstteilnehmenden zu erlangen. Ja kein provokatives Wort! Harmonie um jeden Preis! Alles schläft, einsam wacht...


Viel zu kostbar sind die Zeit und die Aufmerksamkeit der Zuhörerschaft, viel zu gross der Auftrag, als dass man es sich leisten könnte, schlecht zu predigen. Aber wie predigt man gut? Diese Frage wollte ich während meines Theologiestudiums beantworten und bin – zumindest in den ersten Jahren – an den Predigtmethoden meines altehrwürdigen Professors fast verzweifelt. Wie soll ich das Gleichnis vom Sämann, dessen Saat auf vier verschiedene Böden fällt, in eine Drei-Punkte-Predigt hineinquetschen? Soll ich den vierten Boden einfach weglassen? Wie soll ich die sprachlos machenden Geheimnisse des Glaubens in eine knackige Hauptaussage zwängen?


In der zweiten Hälfte des Studiums hat es mit dem neuen Dozenten deutlich gebessert, aber trotzdem: Im Lauf der Zeit bin ich sämtlichen Predigtmethoden gegenüber eher kritisch geworden. Nun predige ich schon seit einigen Jahren regelmässig und habe an mir selbst entdeckt, dass ich die Predigtvorbereitung immer auf ähnliche Art und Weise angehe. Ohne es zu wollen, habe ich mich auf eine Methode festgelegt – oh Schreck!


Bisher habe ich diese Methode für mich behalten. Aber mein Bart wird langsam grau und ich verstehe das als einen Wink Gottes, dass die Zeit gekommen ist, meine Predigtmethode mit der Welt zu teilen. Letzten Freitag ist mir auf dem Fahrrad sogar ein kompetent klingender Name dazu eingefallen. Ich stelle vor: die Genesis-Methode.


Gott ist der allergrösste Schöpfer. Die Art und Weise, wie er die Welt erschaffen hat, kann für deine Predigtvorbereitung inspirierend sein. Im 1. Mosebuch (Genesis) lässt sich Gott bei der Arbeit über die Schultern schauen. Wie geht er dieses Riesenprojekt namens «Erschaffung der Welt» an? Und was können wir für unsere Predigtvorbereitung lernen?


Phase 1: Das Chaos und der Geist

Die Schöpfung beginnt nicht mit einem perfekt organisierten kosmischen Materiallager, nicht mit einem göttlichen Mise-en-Place, sondern mit dem Chaos: «wüst und leer» schreiben die einen, «Tohuwabohu» die anderen. Buber und Rosenzweig beschreiben den Urzustand der Welt wortgewaltig und passend mit «Irrsal und Wirrsal». Gott kann es sich leisten, das Schöpfungsprojekt mit einem kreativen Chaos zu beginnen. Über diesem Chaos schwebt der Heilige Geist.


Meine These lautet: Eine gute Predigt beginnt mit dem Chaos. Und mit dem Heiligen Geist. Nimm dir Zeit zum Gebet. Und dann nimm dir Zeit, alles, was dir zum Predigtthema in den Sinn kommt, aufzuschreiben. In meiner eigenen Predigtvorbereitung fülle ich locker fünf, manchmal zehn Seiten mit handgeschriebenen Notizen, Mindmaps, Wortstudien, Zeichnungen, Kernsätzen, Predigtfragmenten. Ich schreibe, zeichne, schneide aus, klebe zusammen, verbinde, radiere, ergänze, streiche, kurz: Auf meinem Schreibtisch breitet sich Irrsal und Wirrsal aus.


Hier hat alles Platz. 60-80% des Materials werden es nicht in die Endfassung der Predigt schaffen. Egal! Dieser Inspirations- und Sammlungsprozess ist wichtig, damit auf dieser Grundlage etwas entstehen kann. In Gottes Fall: eine gute Welt. In meinem Fall: hoffentlich eine gute Predigt.


Den Laptop schalte ich ein, wenn ich etwas Bestimmtes suche (einen Vers oder ein Wort im Bibelprogramm, eine Information im Internet), dann schalte ich ihn (im Idealfall) wieder aus. Immer wieder schaue ich zum Fenster meines Büros hinaus auf die Wiese, denke nach, halte inne, lasse den Heiligen Geist «brüten». Diese erste Phase dauert bei mir ein bis zwei Stunden, manchmal auch einen ganzen Morgen.


So oder ähnlich beginnt bei vielen Predigerinnen und Predigern die Vorbereitung. Der (aus meiner Sicht) Fehler, den viele dann machen, ist: sie schalten nach der ersten Inspirationsphase den Laptop ein. Die schiere Fülle an Informationen überfordert sie zwar, aber in Ermangelung besserer Alternativen machen sie sich daran, die Endfassung ihrer Predigt zu schreiben. Auf diesem Weg hat es schon so manches «Tohuwabohu» geradewegs in eine ansonsten gute Predigt geschafft. Das Chaos muss zuerst gebändigt werden. Wie, erfahren wir in Phase 2 der Schöpfung.


Phase 2: Gott liebt Struktur!

«Wir wollen möglichst wenig Struktur, um dem Heiligen Geist möglichst viel Raum zu geben». Wenn du länger als fünf Minuten Christ bist, hast du diesen fromm klingenden Satz sicher schon mal gehört. Über unsere menschengemachte Kategorisierung: Heiliger Geist oder Struktur kann der Schöpfer nur müde lächeln. Ganze zweieinhalb Schöpfungstage lang nimmt er sich Zeit, um das finstere Urchaos zu bändigen und die eigentliche Schöpfung vorzubereiten, indem er lebensbefähigende Strukturen schafft.


Ist dir auch schon aufgefallen, dass Gott zwar am ersten Tag das Licht schafft und Tag und Nacht voneinander trennt, aber erst am vierten Tag Sonne, Mond und Sterne in diese Tag- und Nacht-Räume hineinsetzt? Zuerst erschafft er die Struktur, den Lebensraum. Dann erst füllt er diese Strukturen mit Leben. Man kann die sechs Tage der Schöpfung in zwei Durchgängen lesen. Im ersten Durchgang (Tage 1–3) schafft er Lebensräume. Im zweiten Durchgang (Tage 4–6) füllt er diese Strukturen mit Leben.


  • Erster Tag: Erschaffung des Lichts, Trennung von Tag und Nacht. Dem entspricht der vierte Tag: Die Erschaffung der Himmelskörper.

  • Zweiter Tag: Trennung von Luft (Himmel) und Wasser. Dem entspricht der fünfte Tag: Die Besiedlung dieser Lebensräume mit Vögeln und Fischen.

  • Dritter Tag: Trennung von Land und Meer, Erschaffung der Kontinente. Dem entspricht der sechste Tag: Erschaffung der Landtiere und des Menschen.

Zuerst schafft Gott die Strukturen, die Lebensräume, erst dann füllt er sie mit Leben. Wer mit offener Bibel mitgelesen hat, wird einwenden: Aber schafft Gott nicht schon am dritten Tag etwas Konkretes, nämlich die Bäume und das Gras? Doch, darauf komme ich später zurück.


Was könnte das für deine Predigtvorbereitung heissen? Lege Wert auf Struktur, weil sie deiner Predigt zum Leben verhilft. Versuche, aus der Ursuppe auf deinem Schreibtisch herauszuspüren, welche Struktur am passendsten ist. Nicht die Struktur, die im Lehrbuch XY steht. Sondern eine Struktur, die die schöpferische Energie von Gottes Wort in deinem Predigttext zu fassen und vermitteln vermag.


Halte Ausschau nach strukturgebenden Merkmalen in deinem Predigttext. Du predigst über den Sämann? Mach vier Punkte. Du predigt über das Doppelgebot der Liebe? Mach zwei. Ein Wort wird 26-mal wiederholt? Gibt 26 Punkte. Du predigst über das verlorene Schaf? Mach meinetwegen eine 99-Punkte-Predigt. Du predigst über eine Geschichte? Dann lass alle Punkte fahren und werde zum Erzähler. Deine Strukturen müssen dem Leben dienen, nicht umgekehrt. Bewahre die Welt vor einer langweiligen, unpassenden Predigtstruktur, nur weil du im Lehrbuch davon gelesen hast.


Strukturen schaffen heisst trennen, aufteilen in Bereiche. Ein Vorher und ein Nachher definieren, einen Plot erstellen. Unwichtiges weglassen. Diese Phase des Ordnens und des Aneinanderreihens von Stichworten dauert bei mir wiederum eine bis zwei Stunden, oft länger. Den Laptop brauche ich in dieser Zeit gar nicht. Hier wird stichwortartig geschrieben, aneinandergereiht, strukturiert. Wenn es sein muss, seitenlang. Weil ich in dieser Phase noch nicht auf der Ebene der Einzelformulierungen bin, kann ich nach Herzenslust streichen und neu zusammensetzen, bis es passt.


Nicht immer bin ich mit der Predigtstruktur ganz ans Ende gelangt, wenn – manchmal etwas unverhofft – Phase 3 beginnt:


Phase 3: Mit Leben füllen

In der Schöpfung passiert es am dritten Tag, ebenfalls etwas unverhofft: Soeben hat Gott die Lebensräume Meer und Land voneinander getrennt. Er sieht, dass es gut ist und sagt noch am selben Tag: «Die Erde lasse Gras spriessen und Gewächs, das Samen hervorbringt» (1. Mo 1,11). Damit beginnt die dritte Phase der Schöpfung: Gott füllt die Strukturen mit Leben. Der Reihe nach bevölkert er nun sämtliche Lebensräume, die er angelegt hat. Bis es wuselt und kriecht, wächst und sprosst, fliegt und schwimmt, schleicht und läuft – das volle, pralle Leben!


Für meine Predigtvorbereitung heisst das: Jetzt ist die Zeit gekommen, das Gerüst mit Leben zu füllen. In dieser Phase schalte ich den Laptop ein und die Tastatur läuft auf Hochtouren. Ich gehöre zu den Predigern, die fast jede Predigt komplett ausschreiben. Sechs bis sieben A4-Seiten kommen so zu Papier. Ich schreibe, feile, spreche, korrigiere, formuliere, streiche, gestikuliere. In dieser Phase brauche ich einen ruhigen Raum abseits meiner Pastorenkollegen. Da geht es laut zu und her. Immer wieder setze ich mich hin, um zu schreiben. Stehe auf, um zu predigen. Irgendwann ist dann gut.


Und dann: Predigt ausdrucken, nochmals halten, beten, handschriftliche Notizen einfügen, beten, Hemd bügeln, schlafen, Kaffee trinken, Selbstzweifel haben, beten, Angstbisi machen, predigen, Feedback hören («Siehe es war gut/sehr gut/mittelmässig/naja»), Gott danken, am siebten Tag ruhen. Das ist meine Genesis-Methode.






------------------ Anmerkungen:

  • Die Genesis-Methode hat keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit. Vielleicht bist du eher der spontan-prophetische Predigertyp, dessen Predigten umso besser sind, je weniger Struktur sie haben – gut für dich! Vielleicht würden deine Predigten durch die Genesis-Methode nur schlechter werden. Dann lass lieber die Finger davon.

  • Möglicherweise triggere ich mit meinem Vergleich von Schöpfungsgeschichte und Predigtvorbereitung deinen (bei Pastoren relativ weit verbreiteten) Messias-Komplex. Wenn du also mit einem latenten Allmachtssyndrom zu kämpfen hast: entspann dich. Du bist nicht Gott. Und deine Predigt nicht die Schöpfung der Welt. Es ist nur ein Vergleich.

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