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Sich selbst lieben?!

Aktualisiert: Jan 14

Da trat ein Gesetzeslehrer auf, um Jesus zu versuchen, und fragte: »Meister, was muss ich tun, um ewiges Leben zu ererben?« Jesus erwiderte ihm: »Was steht im Gesetz geschrieben? Wie lauten da die Worte?« Er gab zur Antwort: »Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben von ganzem Herzen, mit deiner ganzen Seele, mit aller deiner Kraft und mit deinem ganzen Denken« und »deinen Nächsten wie dich selbst«. Jesus sagte zu ihm: »Du hast richtig geantwortet; tu das, so wirst du leben!«


Der Text ist gelesen, der Prediger steht bereit. Bedächtig schreitet er zum Mikrofon. Eine der Kernpassagen des Neuen Testaments ist soeben im Raum verhallt, klingt in den Herzen der Zuhörer weiter. Der Prediger sortiert seine Notizen, wirft einen pastoralen Blick auf seine Gemeinde, dann hebt er an: «Gott und die Menschen lieben kann nur, wer sich selbst gut liebt. Tun Sie sich wieder einmal etwas Gutes! Nehmen Sie sich Zeit für sich selbst, gehen Sie mit Ihren Liebsten ins Wellnesshotel, kaufen Sie sich ein Motorrad, gönnen Sie sich etwas!» Leidenschaftlich verkündet er seiner Gemeinde das Evangelium der Selbstliebe, reiht Beispiel an Beispiel, Bibelvers an Bibelvers, bis er mit dem Aufruf schliesst: «Lieben Sie sich selbst! Aus dieser reinen, güldenen Quelle wird die Liebe zu Gott und den Mitmenschen reichlich fliessen! Amen.»



«Wer sein Leben liebt, verliert es; wer aber sein Leben in dieser Welt hasst, wird es zu ewigem Leben bewahren.» – Joh 12,25


Jesus warnt ziemlich eindringlich davor, sich selbst zu lieben. Wer sein eigenes Leben liebt, ist auf dem besten Weg dazu, es zu verlieren. Das Evangelium der Selbstliebe führt in die Sackgasse der Verlorenheit.


«Liebe dich selbst!» ist nicht Teil der christlichen Botschaft, es ist auch nicht Teil des Doppelgebots der Liebe. Es ist die Grunddynamik der gefallenen Menschheit. Jesus setzt voraus, dass jeder Mensch sich selbst liebt. Die Selbstliebe zieht sich als Grundschwingung durch jedes Menschenleben. Jeder möchte sein eigenes Glück vergrössern und sein Leid minimieren: mehr Geld, Sicherheit und Luxus, weniger Not, Schmerzen und Armut.

«Liebe dich selbst!» ist die Grunddynamik der gefallenen Menschheit.

Das Doppelgebot der Liebe ist radikal. Es stellt eine Forderung auf, die das Streben nach Selbstverwirklichung massiv gefährden kann. Und wer darüber predigt, als sei es eine Anleitung zur Selbstliebe, hat den Knall noch nicht gehört.


Die Forderung lautet: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Suche das Glück des anderen, wie du dein eigenes Glück suchst. Minimiere das Leid deines Nächsten, so wie du dein eigenes Leid minimieren möchtest. Selbstliebe hilft hier keinen Schritt weiter. Wer sich vor allem um das eigene Wohlergehen sorgt, wird sich in entscheidenden Situationen nicht die Finger schmutzig machen, wenn es darum geht, andere zu lieben.


Das Gleichnis, das Jesus anschliessend erzählt, verdeutlicht es: Es ist die Geschichte vom barmherzigen Samariter (vgl. Lk 10,30–37). Der Priester und der Levit gehen am verletzten Mann vorüber. Ihre Motive werden nicht beschrieben. Vielleicht wollen sie sich die Hände nicht schmutzig machen. Vielleicht haben sie Dringendes zu tun oder haben Angst, ebenfalls von den Räubern überfallen zu werden. Nur der Samariter kümmert sich um den verletzten Mann. Er begibt sich in die Gefahrenzone der Räuber. Dann lässt er seine Reisepläne fahren, um den Verletzten eine Nacht lang in der Herberge zu pflegen. Anschliessend finanziert er den Reha-Aufenthalt des Mannes mit Geld aus seiner eigenen Tasche.

Selbstliebe kann ein Feind der Nächstenliebe sein.

Wer von den drei Männern hat sich selbst am meisten geliebt? Wer hat sein eigenes Glück maximiert und sein Leid minimiert? Selbstliebe kann ein Feind der Nächstenliebe sein. Wer versucht, seine Selbstliebe zu fördern, wird den Nächsten aus dem Blick verlieren.


Jeder Christ ein Masochist?

Aber was denn nun? Ist Jesus auf der Suche nach Menschen, die sich selbst nicht ausstehen können? Nach düsteren Selbstverneinern? Nach chronisch melancholischen Masochisten? Nach Jüngern, die nicht lächeln können und keinen Spass verstehen?


Nein. Jesus sucht Menschen, die fröhlich ihren Gott und die Menschen um sich herum lieben, weil sie erkannt haben, dass Selbstliebe nicht zum Ziel führen kann. Sie haben die kitschige Fassade des Selbstliebe-Evangeliums durchschaut. Der Mensch kann von sich selbst nie genug bekommen. Er kann die eigene Leere nie mit sich selbst füllen. Erfüllung, Wert und Identität findet der Mensch nur ausserhalb seiner selbst – in Gott.

Der Mensch kann die eigene Leere nie mit sich selbst füllen.

Jesus sucht Menschen, die ihre Identität in ihm finden. Die sich nicht dauernd um ihr eigenes Glück sorgen müssen, weil sie darauf vertrauen, dass er für sie sorgt. Die in ihm und seiner Liebe «fest verwurzelt und gegründet» sind (vgl. Eph 3,17). Die sich vom Selbstliebe-Trip verabschiedet haben, weil ihnen klar wurde, dass sie teuer erkauft und in Gottes Augen geliebt und kostbar sind. Die sich annehmen können, weil Gott sie von ganzem Herzen angenommen hat. Die mit sich selbst versöhnt sind, weil Gott sich mit ihnen versöhnt hat.


Solange dein Wert von dir selbst und deinem Wohlergehen abhängt, wirst du kein Risiko für das Reich Gottes eingehen. Dein Ansehen, dein Wohlstand oder deine Gesundheit könnten Schaden nehmen. Wenn du aber weisst, was du für Gott bedeutest, wieviel er dir vergeben hat und welche Zukunft er für dich bereithält, wirst du befähigt, Gott und die Menschen von Herzen zu lieben.


Das grösste Vorbild

Stell dir Jesus am Vorabend seines Todes vor. Kerzen erleuchten das Obergemach, eine spezielle Stimmung liegt in der Luft. In ganz Jerusalem herrscht diese feierliche Vorfreude: Pessach steht vor der Tür. Drei Jahre lang hat der Rabbi seine Jünger begleitet. Jesus weiss, dass die kommenden Stunden alles von ihm abverlangen werden. Die letzten Momente mit seinen Jüngern sind gekommen. Jesus verschwendet keinen Moment damit, seine grossen Wunder und Lehren der letzten Jahre Revue passieren zu lassen und sich von den Jüngern feiern zu lassen. Stattdessen zieht er sein Obergewand aus und – wäscht die 24 staubigen Füsse seiner Jünger. Er dient bis zum Schluss. Weder maximiert er sein eigenes Glück noch vermindert er sein eigenes Leid. Er geht den Weg, den Gott für ihn bereithält. Sein Geheimnis? «Jesus wusste, dass der Vater ihm alles in die Hände gegeben hatte und dass er von Gott ausgegangen war und wieder zu Gott hinging» (Joh 13,3). Jesus wusste, was er für Gott bedeutete. Seine Identität stand fest. Deshalb konnte er die Menschen bis zur höchsten Selbstaufgabe lieben.


Wer hat mehr aufgegeben als Jesus, wer hat einen grösseren Preis bezahlt als er? Wer ist ein grösseres Vorbild der Liebe? Das Ziel ist nicht, perfekt zu sein, sondern zu sein wie Jesus. Folge ihm nach und lass dich auf das Abenteuer ein, Gott und die Menschen zu lieben. Und wenn du das tust, «so wirst du leben» (Lk 10,29), das ist O-Ton von Jesus. Das kümmerliche, in sich selbst gekrümmte Dahinvegetieren hat ein Ende. Du wirst erkennen, dass deine zu grosse Nase, dein Flaumbart, deine fettigen Haare und deine unvorteilhafte Figur nicht die vier zentralsten Probleme auf dem Planeten Erde sind. Es gibt mehr als lahme Selbstwertkompensationen mit lahmen Motorrädern. Es gibt leidenschaftliche Liebe zu Gott und den Menschen. Und es gibt Leben im Überfluss. Hurra!

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